Der Beckenschiefstand-Mythos: Warum das Becken deines Pferdes (fast) nie wirklich schief ist

Pferd mit Beckenschiefstand von hinten fotografiert

Beckenschiefstand beim Pferd ist eines der meistdiskutierten Themen in der Pferdetherapie.

Auf Instagram und in Stallgesprächen begegnet es mir regelmäßig: „Der Therapeut hat das schiefe Becken meines Pferdes wieder gerichtet!“ Ich sehe es, ich lese es – und ich sage dir ganz ehrlich, was ich als Pferdetherapeutin davon halte.

Nicht viel.

Aber nicht, weil ich meine Kolleginnen und Kollegen pauschal kritisieren möchte. Sondern weil ein Beckenschiefstand beim Pferd ein Symptom ist – und kein eigenständiges Problem, das man mit einem gezielten Handgriff „geraderückt“. Wer das behauptet, hat entweder die Ursache nicht gefunden oder erklärt es seinen Kunden sehr vereinfacht.

Lass mich das erklären.

Was ist ein Beckenschiefstand beim Pferd überhaupt?

Als Beckenschiefstand bezeichnet man eine scheinbare asymmetrische Position des Beckens – eine Hinterhand wirkt tiefer, eine Beckenhälfte zieht nach unten oder hinten. Das sieht man oft beim Pferd im Stand, manchmal auch in der Bewegung.

Das Problem beginnt bei der Interpretation: Viele Pferdebesitzer und leider auch manche Therapeuten schließen von diesem optischen Befund direkt auf ein „verschobenes Becken“ – als hätte das Becken seinen Platz verlassen und müsste wieder zurechtgerückt werden.

Aber: Das Pferd wiegt 500 bis 600 Kilogramm. Sein Becken ist von massiven Muskeln, Bändern und Faszien umgeben und mit der Wirbelsäule und dem Sakrum fest verbunden. Die Idee, dass man dieses Konstrukt mit einem Handgriff „verrutscht“ und ebenso einfach wieder „geraderückt“, entspricht nicht der anatomischen Realität.

Was steckt wirklich hinter dem Beckenschiefstand?

In meiner täglichen Praxis als Pferdetherapeutin sehe ich Beckenschiefstände häufig. Und ich sehe fast immer eine dieser Ursachen dahinter:

Knieproblematiken

Das ist die häufigste Ursache, die ich beobachte. Das Pferd hält das Kniegelenk auf einer Seite dauerhaft gestreckter als auf der anderen – weil die Beugung schmerzhaft ist. Vielleicht durch Arthrose, eine Reizung der Schleimbeutel, eine Bänderverletzung oder beginnende Veränderungen im Femoropatellargelenk.

Hält das Pferd das Bein dauerhaft gestreckter, verändert sich die Stellung der gesamten Gliedmaße – und das Becken auf dieser Seite wirkt optisch höher oder tiefer. Ergebnis: klassischer Beckenschiefstand. Ursache: Knie.

Muskuläre Dysbalancen und Faszienspannungen

Chronische Verspannungen der Hinterhandmuskulatur – Glutaeus, Biceps femoris, Semitendinosus – können eine Seite des Beckens dauerhaft in einer veränderten Position halten. Diese Muskeln ziehen an Becken und Oberschenkel, und wenn sie auf einer Seite dauerhaft verkürzt oder überlastet sind, sieht das Becken schief aus.

Auch Faszienrestriktionen – also Verklebungen und Verhärtungen im Bindegewebe – spielen eine zentrale Rolle. Das Fasziennetz verbindet Strukturen weit über lokale Grenzen hinaus. Eine Restriktion in der Hinterhand kann problemlos bis ins Becken ausstrahlen.

Schmerzhaftigkeit in den unteren Gliedmaßengelenken

Hufgelenk, Krongelenk, Fesselgelenk – Schmerzen in diesen Bereichen verändern die gesamte Belastungsverteilung der Hinterhand. Das Pferd entlastet instinktiv die betroffene Seite, verlagert das Gewicht, und die Asymmetrie pflanzt sich nach oben fort bis ins Becken.

Probleme in der Lendenwirbelsäule und im Iliosakralgelenk

Das Iliosakralgelenk (ISG) ist tatsächlich eine Struktur, die funktionelle Einschränkungen entwickeln kann. Aber auch hier gilt: Eine ISG-Blockade ist nie ein isoliertes Problem, das einfach „eingerenkt“ wird. Sie ist Ausdruck einer Kompensationskette – oft ausgelöst durch Schmerzen an ganz anderer Stelle.

Warum ist die genaue Ursache so wichtig?

Weil Symptombehandlung ohne Ursachensuche keine nachhaltige Therapie ist.

Wenn ich bei einem Pferd mit Beckenschiefstand nur am Becken arbeite, ohne das Knie zu untersuchen, ohne die Ganganalyse zu machen, ohne die gesamte Kompensationskette zu verstehen – dann behandle ich ein optisches Phänomen, nicht das eigentliche Problem. Das Becken wird sich wieder verziehen. Denn die Ursache ist noch da.

Seriöse Therapie beginnt mit einer gründlichen Befunderhebung:

  • Anamnese: Wie bewegt sich das Pferd? Seit wann? Unter welchen Bedingungen?
  • Ganganalyse: Wo liegt die eigentliche Asymmetrie in der Bewegung?
  • Palpation: Welche Muskeln, Gelenke und Faszienstrukturen reagieren auffällig?
  • Gelenkfunktionstests: Wie verhalten sich Knie, Hüfte, ISG, Lendenwirbelsäule?
  • Im Zweifel: veterinärmedizinische Abklärung, bevor eine manualtherapeutische Behandlung beginnt.

Was bedeutet das für dich als Pferdebesitzer?

Wenn jemand dir erzählt, er habe das Becken deines Pferdes in einer Sitzung „geraderückt“ – frag nach. Frag, was die Ursache war. Frag, welche Untersuchung dem vorangegangen ist. Und frag, was du tun kannst, damit das Problem nicht wiederkommt.

Ein Beckenschiefstand ist ein Hinweis. Dein Pferd sagt dir: Irgendwo in meinem Körper stimmt etwas nicht. Hör hin – und finde jemanden, der genau hinschaut.

Du bemerkst bei deinem Pferd einen Beckenschiefstand oder andere Asymmetrien in Haltung oder Bewegung?

Genau hier liegt meine Stärke als Pferdetherapeutin: Ich schaue nicht nur auf das Becken, sondern auf den ganzen Bewegungsapparat deines Pferdes – Knie, Muskulatur, Faszien, Gelenke, Wirbelsäule. Mit über 40 Jahren Erfahrung im Umgang mit Pferden und fundierten Ausbildungen in manueller Therapien finde ich die tatsächliche Ursache, statt nur das Symptom zu behandeln.

Ich nutze dafür objektive Diagnostik wie die Sleip-Ganganalyse, um meine Befunde zu untermauern – aber die eigentliche Arbeit ist die gründliche körperliche Untersuchung und mein geschultes Auge für Kompensationsmuster.

➡ Jetzt Termin anfragen unter: equi-in-statera.de

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